Die einzige Königin Italiens: Sängerin Raffaella Carrà gestorben

06 luglio 2021

Raffaella Carrà kommt aus einer Zeit, in der Italien noch Weltstars hervorbrachte. Für mehrere Generationen von Italienern war sie eine Ikone des Samstagabends. Ihre bunte Kleider und Röckchen waren mehr oder weniger subtiler Protest gegen eine auch im Italien der 70 Jahre vorherrschende Prüderie. Unvergessen ihr Lied „Tuca Tuca“ gesungen mit dem legendären Alberto Sordi. Die katholische Kirche war aus dem Häuschen, weil sie im Fernsehen bauchfrei auftrat. Nur Sordis Unantastbarkeit als Säulenheilger der römischen Unterhaltungsbranche verhinderte die Zensur.

Nach Rom war Raffella nur gekommen, weil sich die Eltern, die damals in der Nähe von Rimini lebten, trennten. Ihr Weg zum Showgirl Numero Uno schien früh vorgezeichnet. Mit 4 Jahren Ballettunterricht, noch keine 20 schon erste kleine Filmrollen.

Es folgten ein Musical mit Marcello Mastroianni, und viele alberne Fernsehshows, die scheinbar für sie erfunden wurden. In Pronto, Raffaella?, einer Mittagsshow, konnten die Leute anrufen und schätzen, wie viele Bohnen im Glas im Studio lagen. Lange vorm Privatfernsehen festigten die Shows das Klischees vom italienischen Fernsehen als permanenter, bunter Kindergeburtstag.

Einladungen ins Ausland liessen nicht lange auf sich warten. In der Udo-Jürgens-Show trat sie mit dem Lied "A far l'amore comincia tu“ auf. Für das deutsche Publikum wurde eigens das Wort „Liebele“ für den unwiderstehlichen Refrain erfunden. Noch bekannter wurde sie allerdings in Spanien. Nach dem Tod von Franco 1976 sahen die Spanier bis dato nicht vorstellbare Lockerheit im Fernsehen. Ihre unideologische Fröhlichkeit passte gut zum neuen Freiheitsdrang der Spanier.

Raffaela - Ikone der Schwulenszene

Überhaupt schien sich die Carrà nie viel um Konventionen und allzu enge Moralvorstellungen zu scheren. Nicht nur dank ihrer demonstrativen Toleranz und ihrer herrlich verrückten Kleider wegen wurde sie zur Ikone der Schwulenbewegung. Auch wenn sie das nicht verstanden hat. Ihre Unbeschwertheit und Fröhlichkeit behielt sie bis ins hohe Alter. Jahrelang war sie Jurorin bei The Voice.

In Italien überschattete die Nachricht von Carràs Tod selbst den Fussball und die Politik. Wer gestern Abend italienisches Fernsehen schaute, konnte meinen, der Papst oder der Staatspräsident sei verstorben. 

Ihr langjähriger Lebensgefährte, der Choreograph Sergio Lapino, den sie in Bounes Aires kennengelernt hat, gab ihr zum Abschied mit auf dem Weg: „Sie ist nun in einer besseren Welt, in der ihre Menschlichkeit, ihr unverwechselbares Lachen und ihr außergewöhnliches Talent für immer scheinen werden". Raffaella Carrà starb mit 78 Jahren nach kurzer Krankheit in Rom.